29. Apr 2013

Rechtzeitig vor dem Urlaub zur Impf-Beratung

Nie zuvor in der Geschichte reisten die Menschen soviel wie heute. Dabei begegnen sie nicht nur anderen Ländern und Kulturen, sondern auch Krankheitserregern, die bei uns nicht vorkommen. Am 25. April  beantworteten Tropenmediziner anlässlich der Europäischen Impfwoche Fragen zum Impfschutz auf Reisen. 

Muss ich mein Kind vor unserer Türkeireise unbedingt gegen Hepatitis A impfen lassen? Ich habe gelesen, dass kleine Kinder sich häufig symptomfrei infizieren und so auf natürlichem Wege eine lebenslange Immunität erwerben...

Dr. von Schrader-Beielstein: Bei Kindern verläuft die Erkrankung häufiger symptomfrei als bei Erwachsenen – aber eben nicht immer! Das Restrisiko eines schwereren Krankheitsverlaufs mit mehrwöchiger Gelbsucht besteht. Die Impfung von Kindern unter zehn Jahren gegen Hepatitis A dient außerdem der Vermeidung von Umgebungsinfektionen nach der Rückkehr. Denn wenn sie nur leichte Symptome wie Durchfall entwickeln, geben sie die Infektion oft unbemerkt an Mitglieder ihrer Kindergartengruppe oder Schulklasse weiter – was die komplette Schließung der betroffenen Gruppen durch das Gesundheitsamt zur Folge haben kann. Die Türkei zählt zu den Regionen mit einem hohen Hepatitis-A-Risiko, die türkische Gesundheitsbehörde empfiehlt die Impfung generell für alle Kleinkinder im 18. und 24. Lebensmonat. Am besten besprechen Sie das Thema vor der Reise mit Ihrem Kinderarzt. 

Was ist Hepatitis eigentlich genau?

PD Dr. med. Karl-Heinz Herbinger: Die Hepatitis ist eine Entzündung der Leber. Viren der Typen A bis E können der Auslöser sein. Hepatitis A und E sind akute Formen, die in der Regel vollständig ausheilen. Nur in seltenen Fällen verlaufen sie tödlich. Besonders gefährlich ist die Infektion mit Hepatitis B und C, da hier das Risiko für eine Chronifizierung besteht. Bei der Hepatitis B kommt es bei etwa zehn Prozent der Betroffenen zu einem chronischen Verlauf, die Wahrscheinlichkeit ist umso höher, je jünger der Patient bei Infektion war. Daher ist die Impfung in Deutschland seit 1996 für alle Säuglinge empfohlen. Bei der Hepatitis C gehen etwa die Hälfte der Infektionen in chronische Formen über. Bei diesen chronischen Verläufen kann es nach Jahren zu Leberversagen infolge einer Zirrhose oder auch zu Leberkrebs mit Todesfolge kommen. Das Hepatitis-D-Virus ist unvollständig und kann nur aktiv werden, wenn es im Körper des Infizierten auf das Hepatitis-B-Virus trifft. 

Wie wird Hepatitis übertragen?

Dr. med. Burkhard Rieke: Hepatitis A und E wird über verunreinigte Nahrungsmittel und Getränke übertragen: Meeresfrüchte, ungeschältes Obst oder unzureichend gegartes Gemüse sowie Eiswürfel in Kaltgetränken sind häufige Infektionsquellen. Hepatitis B, C und D wird über Blut oder bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr übertragen – also wie HIV aber leichter. Ungeschützter Sex sowie medizinische oder kosmetische Eingriffe am Urlaubsort bergen ein hohes Infektionsrisiko, beispielsweise der Besuch im Nagelstudio.  

Wann ist eine medikamentöse Malariaprophylaxe sinnvoll?

Dr. Rieke: Das richtet sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten: dem Reiseziel, Zeit und Dauer des Aufenthalts und den geplanten Aktivitäten. Grundsätzlich zählen in Afrika die Länder südlich der Sahara und Teile Mittel- und Südamerikas sowie Asiens zu den Malariaregionen. Aufgrund von Erregerresistenzen ist eine einheitliche Empfehlung für ein bestimmtes Medikament nicht möglich. Das Thema sollten Sie in jedem Fall mit einem Reisemediziner besprechen, der auch individuelle Faktoren, wie andere eingenommene Medikamente, berücksichtigen kann. Unverzichtbar ist immer ein guter Mückenschutz: also körperbedeckende Kleidung, Insekten abwehrende Mittel und ein Moskitonetz für den Schlafplatz.  

Ist die medikamentöse Malariaprophylaxe auch bei kleinen Kindern möglich?

Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein: Unterschiedliche Medikamente zur Vorbeugung und Behandlung der Malaria stehen auch für Kleinkinder ab fünf Kilogramm Körpergewicht zur Verfügung. Da eine Malariainfektion bei kleinen Kindern besonders schwer verlaufen kann, sollten Sie auf Reisen in gefährdete Gebiete, wie Kenia, Tansania oder Westafrika, aber möglichst verzichten – insbesondere in Regionen, in denen die Malaria tropica vorkommt.

Welche Lücken im Impfpass sollte ich vor einer Reise unbedingt schließen?

Dr. Rieke: Die Impfungen gegen Tetanus und Diphtherie sollten bei Erwachsenen alle zehn Jahre aufgefrischt werden – in Kombination mit der Keuchhusten-Impfung. Eine Polio-Auffrischung benötigen Sie nur noch, wenn Sie einen Aufenthalt in einem Risikogebiet planen. Die Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln wird allen nach 1970 geborenen Personen mit unzureichendem Impfschutz empfohlen. In den letzten Jahren kam es gerade während der Urlaubszeit in vielen europäischen Ländern immer wieder zu Masernausbrüchen. Ob bei Ihnen individuell noch weitere Impfungen angezeigt sind, sollten Sie mit Ihrem Arzt besprechen.

In welchen Ländern kommt Polio überhaupt noch vor?

Prof. Dr. med. Thomas Küpper: Pakistan, Afghanistan und Nigeria sind die letzten drei Länder, in denen die Polio noch dauerhaft auftritt. Ein aktuelles Beispiel zeigt jedoch, dass die Wiedereinschleppung der Viren in poliofreie Regionen eine stetige Gefahr bleibt: In Ägypten wurden dieses Jahr Poliowildviren im Abwasser nachgewiesen – Genanalysen ergaben, dass die Viren aus Pakistan stammten. Deshalb ist auch in Deutschland die Polioimpfung – bestehend aus Grundimmunisierung und einer Auffrischimpfung – immer noch generell für alle Säuglinge, Kinder und Jugendlichen empfohlen.

Ich habe gelesen, dass man sich auch gegen Meningokokken impfen lassen soll. Was sind Meningokokken überhaupt?

PD Dr. Herbinger: Meningokokken sind Bakterien, die lebensbedrohliche Hirnhautentzündungen und Blutvergiftungen auslösen können, sie kommen weltweit vor. Die Bakterien werden in verschiedene Serogruppen unterteilt – die Gruppen A, B, C, W-135 und Y sind für die meisten Erkrankungen verantwortlich. Die Verbreitung der einzelnen Serogruppen ist regional verschieden. In Deutschland kommen vor allem die Gruppen B und C vor, in Afrika und Asien die Gruppen A und W-135. In den USA ist Serogruppe Y sehr verbreitet. Meningokokken werden durch Tröpfchen beim Sprechen, Niesen, Husten oder Händeschütteln übertragen, das heißt sie können jeden jederzeit treffen.

Größere Epidemien kommen in erster Linie in den Ländern der afrikanischen Sahelzone – dem sogenannten Meningitisgürtel – und Asien vor. Das Infektionsrisiko ist während der Trockenzeit am höchsten.

Wer sollte sich gegen Meningokokken impfen lassen?

Prof. Dr. Küpper: Die Impfung gegen Meningokokken C ist in Deutschland seit 2006 für alle Kinder im zweiten Lebensjahr empfohlen. Für Reisende in Risikogebiete und gesundheitlich Gefährdete empfiehlt die STIKO die Impfung mit einem so genannten 4-valenten Konjugatimpfstoff, der vor den Serogruppen A, C, W-135 und Y schützt. Und dies nicht nur bei Urlaubsreisen, sondern genauso bei längeren Auslandsaufenthalten, wie Schüleraustausch, Au-pair-Aufenthalte oder Auslandssemester. Bei Pilgerreisen, insbesondere nach Mekka, ist die Vierfach-Impfung Pflicht.

Wir reisen von Namibia über die Victoria-Fälle nach Südafrika. Brauchen wir eine Gelbfieber-Impfung?

Dr. Rieke: Auch wenn das Erkrankungsrisiko gleich Null ist: Reiserechtlich schreibt Südafrika in diesem Fall die Gelbfieber-Impfung vor. So will sich das Land vor eingeschleppten Gelbfieber-Infektionen schützen.

Ist eine reisemedizinische Beratung vor Auslandsreisen generell sinnvoll?

PD Dr. Herbinger: Auf jeden Fall! Ganz unerlässlich ist sie vor Fernreisen. Ein reisemedizinisch fortgebildeter Arzt kann Sie individuell zu wichtigen Impfungen, zur Malariaprophylaxe und weiteren Maßnahmen beraten. Wichtig ist, dass Sie diese Beratung rechtzeitig vor der Reise planen, da bei manchen Impfungen mehrere Injektionen erforderlich sind, bevor Schutz aufgebaut ist. Reisemediziner in Ihrer Nähe finden Sie beispielsweise über die Ärztesuche auf der reisemedizinischen Infoseite fit-for-travel.



Experten am Lesertelefon vom 25. April 2013:
•    Prof. Dr. med. Thomas Küpper; Facharzt für Sport- und Arbeitsmedizin, Zusatzqualifikation für reisemedizinische Gesundheitsberatung (DFR) und Mountain Medicine (UIAA); Notfallmedizin, Universitätsklinikum Aachen
•    PD Dr. med. Karl-Heinz Herbinger; Abteilung für Infektions- und Tropenmedizin, Ludwig-Maximilians Universität München
•    Dr. med. Albrecht von Schrader-Beielstein; Allgemeinarzt und Arzt für Naturheilverfahren, Praxis für Reise- und Tropenmedizin, Wörthsee bei München
•    Dr. med. Burkhard Rieke; Niedergelassener Facharzt für Innere Medizin, Tropenmedizin, Infektiologie und Reisemedizin, 1. Stv. Vorsitzender der Deutschen Fachgesellschaft Reisemedizin, Gelbfieberimpfstelle des Landes NRW, Düsseldorf